„Ihr sagt: »Der Umgang mit Kindern ermüdet uns. […] Denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen. Hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen.«
Ihr irrt euch. Nicht das ermüdet uns. Sondern – dass wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen. Emporklimmen, uns ausstrecken, auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen.
Um nicht zu verletzen."
(Korczak, Janusz: Wenn ich wieder klein bin. Göttingen 1973, S.7)


 

Inklusives LErnen aus Kindersicht: wie erleben kinder inklusive settings

Eine mehrstufige Erhebung und Auswertung der Schülerperspektive

 

lehrstuhl für grundschulpädagogik

Forschungsfrage

  1. Wie lässt sich die Topologie der kindlichen Lernumgebung in den untersuchten Settings beschreiben?
  2. Welche Aspekte der kindlichen Lernumgebung werden subjektiv bedeutsam?
  3. Wie lassen sich die entsprechenden leiblichen Kommunikationen beschreiben und qualifizieren?

Ziel: Schlussfolgerungen für eine verbesserte Praxis inklusiven Lernens

 

Abstract

Geht man von Heterogenität als grundlegendem Theorem inklusiver Pädagogik (vgl. Prengel 2013) aus, erfordert die Umsetzung schulischer Inklusion, Bildung vom Kind aus neu zu denken. Eine umfassende Theorie inklusiver Pädagogik existiert indes nicht. Ansätze hierzu sind genauso umstritten wie der Einfluss von Individualisierung auf den Lernerfolg (vgl. Hattie 2009).

Seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention wird verstärkt zu Inklusion geforscht. Die Mehrzahl der Studien fokussiert auf Einstellungen und Erfahrungen von Lehrern, Schulleitungen, Schulämtern und Eltern, auf die Lehrerausbildung sowie auf Schulorganisation und Didaktik. Erkenntnisse darüber, wie Schüler Inklusion erleben, gibt es hingegen kaum. Die wenigen Forschungen zur Schülerperspektive auf inklusives Lernen beschränken sich zudem fast ausschließlich auf Unterrichtsbeobachtungen, standardisierte Befragungen und Leistungsmessungen. Die Kinder als „Experten ihrer eigenen Lebenswelt“ (World Vision Kinderstudie 3, 2013) werden nicht zum Sprechen gebracht, ihre Expertise bleibt ungenutzt.

An diese Forschungslücke schließt das Vorhaben durch pädagogische Kinderforschung an: Pädagogische Kinderforschung betrachtet Kinder als soziale Akteure (Heinzel), in den Mittelpunkt rücken ihre individuellen Erfahrungen. Eine methodische Herausforderung der geplanten Studie besteht daher darin, möglichst selbstläufige und detaillierte Erzählungen der Kinder in Bezug auf ihr Erleben von konkreten Unterrichtssituationen zu ermöglichen. Dies lässt sich im Rahmen der pädagogischen Kinderforschung durch ein mehrschrittiges Erhebungs- und Auswertungsverfahren sowie den Einbezug mehrerer methodischer Zugangsweisen erreichen.

Zunächst sollen Unterrichtssequenzen videographiert und der Klassenkontext erfasst werden. Ausgewählte Sequenzen dienen im zweiten und dritten Schritt als Erzählstimuli für Einzel- und Gruppengespräche. Zudem kann das Videomaterial im Sinne einer kamera-ethnographischen, teilnehmenden Beobachtung ausgewertet werden. Die Schüleräußerungen werden hierbei zur Validierung herangezogen.

Durch den Einsatz von videographierten Unterrichtssequenzen als Erzählstimuli werden zum einen selbstläufige Erzählungen der Kinder angeregt, gleichzeitig führen sie den Kindern den intendierten Gesprächsgegenstand - das Erleben konkreter Unterrichtssituationen - anschaulich vor Augen.


Ziele 

Die Studie erhebt erstmals qualitativ die Kinderperspektive auf das Lernen in verschiedenen inklusiven Settings der Grundschule und ergänzt damit die wissenschaftliche Begleitforschung zur Umsetzung der Inklusion in Bayern (vgl. Heimlich et al. 2013), die sich unter anderem mit der Wahrnehmung inklusiver Settings durch Lehrer beschäftigt.

Analog zum Vorgehen der Begleitforschung ermöglicht die Erhebung der Kinderperspektive empirisch fundierte Rückschlüsse auf die Gelingensbedingungen für inklusives Lernen; dies betrifft die Organisation von Schule und Unterricht sowie die Aus- und Fortbildung von Lehrern.

Ein weiterer Ertrag der Studie besteht in der gezielten Weiterentwicklung und Adaption von qualitativen Methoden der pädagogischen Kinderforschung für die Forschung in inklusiven Settings. Ziel hierbei ist die Annäherung an das kindliche Erleben durch einen leibphänomenologischen Lernbegriff und dessen Operationalisierung.