"Einer homogenen Schülerschaft, die es bei genauerer Betrachtung noch nie gab, nachzutrauern, würde bedeuten der Resignation das Wort zu reden. Zu einem erfolgreichen Lehrhandeln gehören vielmehr die zeitweise Individualisierung des Lernens sowie binnendifferenzierende Maßnahmen."
(Birgit Wenzel 2011)


 

Historisches wissen - historische kompetenzen:

theoretische grundlagen für historisches lernen in inklusiven klassen

 

professur für theorie und didaktik der geschichte

Forschungsfrage

Wie lässt sich das Verhältnis von Wissens- und Kompetenzausprägungen beschreiben, um historisches Lernen im inklusiven Geschichtsunterricht hinsichtlich der Heterogenität von Schülerinnen und Schülern angemessen zu konzeptualisieren? Mit welchen Chancen und Grenzen kann diese Heterogenität als produktiv für Lernen am gemeinsamen Gegenstand gedacht werden?

Abstract

Das Teilprojekt „Historisches Wissen – Historische Kompetenzen: Theoretische Grundlagen für historisches Lernen in inklusiven Klassen“ versteht sich als Beitrag dazu, die Heterogenität der Voraussetzungen und Ergebnisse historischen Lernens zu systematisieren, die in inklusivem Geschichtsunterricht in noch verstärktem Maße zu erwarten ist. Bislang sind Feststellung sowie der Aufbau von Wissen durch die Dichotomie geprägt, dass vorhandene oder nicht vorhandene mentale Repräsentationen unterschieden und deren Qualität und Nutzung allenfalls am Rande berücksichtigt werden.

In Ergänzung des Teilprojekts „Historische Orientierungsgelegenheiten“ wird eine theoretische Fundierung eines historischen Lernens am gemeinsamen Gegenstand angestrebt, bei dem alle Schülerinnen und Schülern sowohl ihr Wissen einbringen als auch individuell bedeutsame Einsichten in und zur Geschichte gewinnen können.

Zunächst wird die Frage gestellt, welche Rolle Wissen als Voraussetzung und Ergebnis dieser Lernprozesse spielt. Dazu wird eine Dimensionierung historischen Wissen vorgeschlagen. Ziel ist die Modellierung historischen Wissens nach Inhalt, Form und Begründung, wobei jede Dimension fachlich zu begründen ist und es erlauben soll, Heterogenität anzuerkennen ohne dass Fachlichkeit aufgegeben werden würde. Wissen soll als mehrdimensionales Konstrukt verständlich werden, das unterschiedliche Ansatzpunkte für Förderung bietet, z.B. hinsichtlich der Reichweite der Nutzung von Wissen oder der Qualität von Wissensbegründungen.

In Verbindung mit Theorieerweiterungen zu Zusammenhängen fachlichen Wissens und historischer Kompetenzen sollen schließlich die Heterogenität der Voraussetzungen und Förderbedarfe strukturiert werden. Aus etablierten Kompetenzmodellen für Geschichte und aus Eigenschaften und Funktionen der identifizierten Dimensionen historischen Wissens sollen dabei Ansatzpunkt für Differenzierung und Individualisierung abgeleitet werden.

 


Ziele 

Die Unterscheidung, Förderung und Messung von fachlichem Wissen und domänenspezifischen Kompetenzen stellt in Fachdidaktiken grundsätzlich eine bedeutsame Frage dar. Um den Ansprüchen einer angemessenen Teilhabe aller Lernenden in inklusivem Unterricht gerecht zu werden, soll Funktion und Ausprägung historischen Wissens in seiner potentiellen Diversität und hinsichtlich des Verhältnisses zu historischen Kompetenzen theoretisch modelliert werden. Eine theoretische Verhältnisbestimmung historischen Wissens zu historischen Kompetenzen kann damit einerseits Leistungsfeststellung im Unterricht als auch in empirischer Forschung verfeinern. Andererseits kann Auswahl, Strukturierung und Begründung von Wissensaufbau auf die Theoriebildung zurückgreifen.

Mit dem Ziel, mögliche individualisierende und differenzierende Maßnahmen aufzuzeigen und einzuordnen, sollen Dimensionen und Ausprägungen historischen Wissens beschrieben und in ihrer Funktion für historisches Denken unterschieden werden. Ziel ist die Entwicklung eines inklusiven Verständnisses historischen Wissens: Dieses muss den Bedingungen von Diversität Rechnung tragen, hinsichtlich erkenntnistheoretischer Ansprüche zwischen wissenschaftlichem Wissen und subjektiven Meinungen verortet sein und hinsichtlich der Kriterien für Wissen in Verhältnis zu Diversität gesetzt werden.

Eine Heuristik zur Identifikation von Förderbedarfen und –Möglichkeiten anhand der ausgewiesenen Merkmale und Funktionen historischen Wissens kann historisches Lernen am gemeinsamen Gegenstand auch bei höchst unterschiedlichem Vorwissen und verschiedenen kognitiven Fähigkeiten begleiten helfen.