"Lernmaterialien (...) leisten entscheidende Beiträge für eine wirksame Gestaltung und Differenzierung des Unterrichts. Insbesondere die relativ häufigen und für inklusive Bildung vorrangig diskutierten Bedürfnisse zur Unterstützung des Lernens und des Verhaltens verlangen nach veränderten Lernmedien.“ (Clemens Hillenbrand, 2015)


 

Digital-multimediale module für den inklusiven unterricht

professur für theorie und didaktik der geschichte

Forschungsfrage

Die großen Chancen der Digitalität liegen in der Flexibilität des Umgangs mit Inhalten, aber auch in den Möglichkeiten individueller Adaptierbarkeit. Unser Teilprojekt will daher die Chancen und Grenzen digitaler Unterrichtsmaterialien bei der Förderung des fachlichen Unterrichts in inklusiven Klassen ausloten - pragmatisch, theoretisch und empirisch.

Abstract

Der Unterricht in stark heterogenen Klassen stellt durch eine Vielzahl individueller Lernbedürfnisse und Förderbedarfe für alle Lehrkräfte eine Herausforderung dar. Lehrmaterialien mit einer fundierten fachlichen Struktur und transparenten, fachdidaktisch begründeten Arbeitsvorschlägen können fachkundige wie fachfremde Lehrkräfte dabei unterstützen, hochwertigen Klassenunterricht zu realisieren. Im Teilprojekt werden dafür die Möglichkeiten eines für den Geschichtsunterricht bereits gut erprobten digital-multimedialen Konzepts („mBook“) genutzt.
Während ausgehend von einer Grundvariante sehr einfach Vertiefungen und Erweiterungen angeboten werden können, um Schülerinnen und Schülern mit günstigen Lern- und Leistungsvoraussetzungen in einer Förderstufe 2 angemessen zu fördern, kann der scheinbar naheliegende Weg des Weglassens nicht begangen werden, wenn auf Förderbedarfe von Schülern mit ungünstigen Lern- und Leistungsvoraussetzungen reagiert werden soll.
Im Teilprojekt werden deshalb exemplarisch Teilmodule auf einer Förderebene 2 erarbeitet, die dabei unterstützen, dass alle Schüler „wichtige Dinge zum Unterricht beitragen“ können (Hinz 2013). Das Ziel ist, die Lernenden dabei zu fördern, erworbene Kompetenzen und das damit verbundene Wissen für die gesellschaftlich-kulturelle Teilhabe in ihrer jeweiligen Lebenswelt zu nutzen. Es reicht daher nicht den Schülerinnen und Schülern sozusagen ein weitgehend fachinhaltsbefreites Sondermaterial an die Hand zu geben. Fachinhalte müssen so auf ihre grundlegenden Elemente reduziert werden, dass sie noch immer die Möglichkeit bieten, higher-order Konzepte adäquat zu transportieren. Durch fachdidaktisch und unterrichtsmethodisch fundierte Vorgehensweisen müssen die Schülerinnen und Schüler also dabei unterstützt werden, auch über solche higher-order Konzepte zu verfügen und sie für ihre gesellschaftlich-kulturelle Teilhabe zu nutzen. Dafür werden entsprechende Fragestellungen erarbeitet, darauf abgestimmte Materialien in verschiedener Medialität (Text, Bild, Hypertext-Kombinationen) ausgewählt und abgestimmte Aufgabenstellungen entwickelt.
Sowohl im Grundkonzept der Förderstufe 1 als auch in den beiden Förderstufen der Ebene 2 wird das Ziel verfolgt, die Entwicklung der Selbstbildungs-Kompetenz der Lernenden zu unterstützen. Blended Learning als Unterrichtskonzept für die Arbeit mit den digitalen Modulen bildet dafür die Grundlagen. Gezielt werden Fragestellungen, Materialien und Aufgaben für selbstgestaltetes Lernen angeboten, und kooperatives wie kollaboratives Lernen angelegt.
Auf beiden Förderstufen werden außerdem Möglichkeiten technischer Unterstützungen für Barrierefreiheit erprobt.


Ziele und Verwertungsmöglichkeiten

Im Rahmen des Teilprojekts soll an konkreten Beispielen zunächst erarbeitet werden,


a) wie digital-multimediale Lehr- und Lernmittel hochwertigen Klassenunterricht unter-stützen können (in den Fächern, aber auch in fachübergreifenden Projekten),
b) wie davon ausgehend - unter Nutzung digitaler Möglichkeiten - eine Förderstufe 2 für Schülerinnen und Schüler mit günstigen Lern- und Leistungsvoraussetzungen „eingearbeitet“ werden kann,
c) wie das Konzept einer Förderstufe 2 für Schülerinnen und Schüler mit ungünstigen Lern- und Leistungsvoraussetzungen entwickelt werden kann, das die Grundlage für gemeinsames Lernen schafft, bei dem alle Schüler wichtige Dinge zum Unterricht beitragen können.


Hand in Hand mit der Entwicklung konkreter Module geht theoretische Grundlagenarbeit, z.B. in Bezug auf die Frage, welche Rolle „fachliche Ansprüche“ auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft spielen können, inwiefern der Mehrwert, ggfs. aber auch der Schaden, von Digitalität in Bezug auf unterschiedliche Bedürfnisse und Förder-Bedarfe näher erschlossen werden kann, wie mit Adaptivität, Kollaborativität, Individualisierung umzugehen ist.
Der Einstieg in die pragmatische wie theoretische Arbeit erfolgt über digital-multimediale Module zu Mensch und Natur, wobei die historische Perspektive zuerst erarbeitet wird. Anschließend sollen Biologie- und Geographie-Module entstehen. Eine Erweiterung ist sodann in andere Domänen hinein geplant. Die fachliche Betreuung erfolgt jeweils aus den Disziplinen. Nur so kann sichergestellt werden, dass fachliche Kernelemente eine Schärfung/Präzisierung/Verdichtung unter Berücksichtigung inklusiver Lernbedürfnisse erfahren. Die digitale Gestaltung wird durch das Projektteam „digital-multimediale Module“ begleitet.
Eine Erprobung der Module wird dabei in unterschiedlichen Klassen erfolgen; ggfs. auch in unterschiedlichen Schularten. Nach der Optimierung stehen sie als OER (Open Educational Resources) kostenfrei zur Verfügung.
Dass das Projekt digital-multimediale Module nicht nur auf Pragmatik zielt, sondern auch auf Theorie und Empirie ist bereits angeklungen. Insbesondere sollen Forschungsmöglichkeiten genutzt werden, die Lehrkräfte, aber auch Schüler, als Forschungspartner und nicht nur als Beforschte verstehen.